Osteopathie
Osteopathie ist ein von dem amerikanischen Arzt Andrew Taylor
Still im 19. Jahrhundert begründeter Zweig der Medizin. Im
angelsächsischen Raum gibt es eine in der Regel 4 - 5 jährige
akademische Ausbildung, zum D.O., der dem M.D. (entspricht
unserem approbierten Arzt) gleichgestellt ist und
eigenverantwortlich Patienten behandelt. Die Osteopathie ist
eine Erfahrungsmedizin, steht aber fest auf dem Boden von
Anatomie, Physiologie und Biomechanik. Sie beschäftigt
sich mit funktionellen - das heißt reversiblen Störungen der
Organsysteme.
Ausgehend von der Tatsache, dass jedem Wirbelsäulensegment ein Stück Haut, Bindegewebe, Muskel, Gefäß,
Nerv und Knochen zugeordnet ist und alle Informationen aus dem Körper zentral verarbeitet werden, ergibt sich
ein sehr komplexes Zusammenhangsmodell, in dem jedes Organ mit dem anderen über - mehr oder weniger
starke - bindegewebige, humorale oder nervale Verbindungen verknüpft ist.
Der Unterschied zur Schulmedizin europäischer Prägung ist die Betonung fascialer, das heißt bindegewebiger
Mechanismen, sowie die Bedeutung, die der Hirnwasserzirkulation und den Hirnhäuten selbst zugeschrieben
wird.
Die Diagnostik stützt sich auf eine Fülle von präzisen und interindividuell validierten Tests, die letztlich einen
strukturierten Untersuchungs- und Behandlungsablauf ermöglichen.
Vielleicht macht ein Beispiel diese trockenen Überlegungen etwas anschaulicher:
HWS Probleme hängen oft mit dem Oberbauch zusammen.
Erstens sind die Kapseln der Oberbauchorgane alle vom Nervus phrenicus innerviert. Der kommt aus dem
häufigst blockierten HWS Bereich, nämlich C4 und C5.
Zweitens sind die Organe selbst vom Nervus vagus innerviert. Dessen Kern liegt im Nukleus ambiguus sehr
nahe neben dem Kern für den Nervus accessorius, welcher den Muskulus trapezius innerviert.
Drittens führen Probleme, egal welcher Art, an Magen und v.a. Cardia (Mageneingang) zu einem Zug über die
Speiseröhre am Zungenbein und letztlich zu einer Kopfventralisation, die wieder, u.a. über mechanische
Überlastung der HWS-Extensoren, durch die Vorhalte zu Nackenbeschwerden führt.
Viertens führt eine gestörte Beweglichkeit der Oberbauchorgane zu einander, die weder sonographisch noch
gastroskopisch erfasst wird, aber sehr gut zu tasten ist, zu mechanischen Problemen an der oberen
Thoraxapertur, dem Gegenstück zum "Pumpenkolben" Zwerchfell. Das Zwerchfell bewegt die Leber bei jedem
Atemzug - d.h. 20 000 mal täglich - über eine Strecke von 10 bis 14 cm!
Fünftens, sechstens ....... Es gäbe noch ein Vielzahl von denkbaren Mechanismen. Die Gewichtung, welcher
Mechanismus beim individuellen Patienten im Vordergrund steht, die Suche nach der sogenannten Primärläsion
ist zentraler Bestandteil osteopathischer Diagnostik.
In der Regel streben wir eine schulmedizinische Abklärung der vermindert beweglichen Region an, da aktuelle
Erkrankungen der betroffenen Organe vorliegen können. Sehr häufig liegen aber aus schulmedizinischer Sicht
abgelaufene oder banale Erkrankungen vor.
Die Patienten sind dann verwirrt, wenn der Orthopäde eine Leberstörung diagnostiziert und der Internist, also
der eigentliche Leberspezialist keinerlei Störung feststellen kann. Dies liegt nicht daran, dass der eine oder der
andere nicht sorgfältig untersucht hat, sondern an der schlichten Tatsache, dass der osteopathisch denkende
Orthopäde nach einer funktionellen Störung tastet und der Schulmediziner mit Labor, Sonographie, CT, Biopsie
usw. nach einer strukturellen Störung forscht. Beides, veränderter Tastbefund und strukturelle Störung können,
müssen aber nicht gemeinsam vorliegen! Es liegt also gar kein Widerspruch vor!
Vielleicht konnten wir wenigstens einen Eindruck von den Denkmodellen der Osteopathen geben. Letztlich
wollen wir aber nicht mit Worten überzeugen, sondern durch Behandlungserfolge.
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